Texte Heidi Kahle

Der folgende Text (in Abrissen) ist in verkürzter  Form bereits 1996 im Mathias-Grünewald-Verlag erschienen.

Er hat einen Umfang von 50 normal beschriebenen A4-Seiten (12 Pkt.)

Leseprobe:

Rausgerissen

Vorwort

Dieses Buch stellt den Versuch einer eigenen Psychotherapie dar, den ich durchaus zur Nachahmung weiter empfehlen kann. Der Anfang ist mir sehr schwer gefallen. Später wurde es immer leichter.
Wenn die Probleme, die der Mensch nun mal hat, egal welchen Typus sie haben, selbst aufgeschrieben sind und vor einem liegen, dann können sie bearbeitet werden, das heißt, sie werden immer und immer wieder gelesen, was an sich schon eine aktive Handlung ist. Durch das ständige Lesen erscheinen die Bilder der Vergangenheit immer wieder und fordern die Auseinandersetzung mit ihr. Wenn sie allerdings so schwerwiegend sind wie zum Beispiel Kindesmisshandlungen mit allem, was dazugehört, dann sollte das Aufschreiben unbedingt von einer Therapie begleitet werden. Allein ist so etwas nicht aufzufangen. Ich habe auch mit meinem Freund eine Partner Therapie begonnen, bei der mir sehr vieles sehr viel klarer geworden ist. Nun kann ich auch wieder mit ihm zusammenleben, ohne das Gefühl zu haben, ständig um irgendetwas kämpfen zu müssen. Unsere Standpunkte haben sich verändert. Ich versuche nicht mehr, ihn zu verändern und er versucht nicht mehr mich zu
etwas zu überreden, was ich nicht will. So läßt es sich gut leben.

 

Es fing alles damit an, dass ich nicht geboren werden wollte, und wusste meinen Geburtstag
erfolgreich heraus zu zögern. Aber irgendwann schlägt jedem die Stunde und so wurde ich dann doch geboren. Aus Trotz stellte ich mich scheintod. Deshalb erhielt ich gleich zu Beginn meines Lebens eine ordentliche Tracht Prügel. Dagegen musste ich natürlich mein Veto einlegen.

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Als ich so 13 - 14 Jahre alt war, stellte sich bei mir so ein merkwürdiger Druck des Kopfes nach links ein, (politisch ja durchaus zu vertreten), aber dieses hier empfand ich als äußerst störend. Als ich in Folge dessen dann noch andauernd auf meine Nase fiel, was selbige mir sehr übel nahm, ging meine Mutter mit mir zum Arzt. Dieser verschrieb mir ein Mittel gegen Heuschnupfen, Bettnässen und Kopfläuse.

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Operation gelungen, Patient totaler Pflegefall!

Au weia, jetzt begann die lausigste Zeit meines Lebens. Ich wachte nach der 6stündigen Operation aus der Narkose auf und wollte etwas sagen. Aber irgendwie kam nichts heraus, als besoffenes Gelalle. Was war das denn? Verdammt noch mal, das muss  an der Narkose liegen, schoss es mir durch den Kopf. Aber ich wurde wacher und wacher und meine Stimme wollte nicht so wie ich.

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Anschließend zu Hause erlebten meine Eltern und ich ein Fiasko, denn ich konnte nichts mehr allein. Meine Mutter musste mich füttern, waschen, anziehen, auf die Toilette setzen. Meine Brötchen musste ich regelrecht aus der Schnabeltasse lutschen, denn ich bekam den Mund nicht mehr zu. Mein Speichel rann mir ungehindert auf meine Sachen und so versaute ich mir diese regelmäßig. Dieses hatte zur Folge, dass ich nur allein zu essen wagte. Es war mir einfach peinlich, anderen beim Essen den Appetit zu verderben. Was das alles für ein relativ hübsches 16jähriges Mädchen bedeutet, kann sich vielleicht jeder halbwegs intelligente Mensch denken..

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Ich glaube heute, das schlimmste Problem in dieser Zeit war für mich die Frage nach meiner Identität. Denn all das, was die anderen konnten, das konnte ich ja auch einmal vor noch gar nicht langer Zeit. Also war für mich von vornherein klar, dass ich an diesen eigentlichen Ausgangspunkt zurückkommen musste. Dieses wiederum hieß ARBEITEN, ARBEITEN, noch und nöcher.

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Anfang oder Ende

Am Anfang war das Annastift, in dessen "geheiligten Hallen" meine Karriere als zukünftige Arbeitslose begann.

Als ich 1970 dort aufgenommen wurde, hatte ich überhaupt noch keine Vorstellung von dem, was ich später einmal arbeiten wollte. Darauf, schien mir, war man dort gefasst, denn ich musste mich am nächsten Morgen in der Berufsfindung einfinden. Hier saß ich nun unter anderen behinderten Jugendlichen, denen es genauso ging, wie mir. Wir wurden mit Körbeflechten, diversen Handarbeiten, Stöpseln (in die Tintenpatronen wurden die kleinen Kugeln eingestöpselt) und allerhand anderem Schwachsinn beschäftigt. Gestöpselt wurde sogar im Akkord, d. h. vor uns lag eine quadratische Holzplatte mit zehn mal zehn kleinen Löchern in der Weite einer Tintenpatrone. Stöpseln hieß nun in die nach oben geöffnete Tintenpatrone eine winzige Kugel einzufüllen und sie dann mit einem winzigen Deckelchen wieder zu verschließen. Eine sehr "abwechslungsreiche" Tätigkeit, die wirklich meine sämtlichen grauen Hirnzellen forderte.

Da ich für so etwas wahrscheinlich zu blöd bin, schlief ich regelmäßig ein.

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Zu dieser Zeit begannen merkwürdiger Weise die neuen Ausbildungslehrgänge zum Bürokaufmann. Ich fasse zusammen: Körbeflechten, Handarbeit, Akkordarbeit, Stationshilfe, Masseurin, alles war nichts. Und gerade letzteres wäre mein Traumberuf gewesen. Also gehst`e ins Büro. Und genau das wollte ich NICHT. Auf keinen Fall wollte ich meinen Feierabend in so einer langweiligen Bürobutze verschlafen. Ich hatte einfach Angst vor so einem eintönigen Alltag. Der Gedanke erschien mir geradezu pervers. Ich vollführte ein Affentheater und heulte Rotz, Blut und Wasser.

Es nützte nichts. Als es den für die Ausbildung Verantwortlichen schließlich zu bunt wurde, und ihnen der Geduldsfaden riss, stellten sie mich vor die Wahl, entweder Bürokauffrau zu werden oder nach Hause zurückzugehen. das war ein heilsamer Schock, denn das wäre mir auch rein vom Ehrgeiz her nicht möglich gewesen, trotz lieber netter Eltern. Diese Belastung wäre für uns alle zu viel geworden. Also fügte ich mich schweren Herzens und ließ mich äußerst widerwillig zur Bürokauffrau ausbilden. Nun war ich leider auch eine von den ganz "Normalen", die morgens aufstanden und  mehr oder weniger lustlos ins Büro, Berufsschule oder Werkstatt schlichen.

Die Lehre erfüllte mich mit einer geistigen Leere, denn alles was ich dort lernte, erschien mir unlogisch und blöde. Das Einzige, was mir ein bischen Halt gab, war meine Berufsschulklasse und einige wirklich nette Lehrer. Gerade sie gaben sich die allergrößte Mühe, mir wenigstens einige Buchungssätze oder so etwas Gräusliches, wie Formeln über die Handelsspanne, den Kalkulationszuschlag und den Reingewinn oder irgendwelche Wechselgeschichten beizubringen. Ich saß nur da, kaute gelangweilt auf dem Bleistift und begriff überhaupt nichts. Ich wollte auch nichts kapieren, was ging es mich denn an, ob ein Geschäftsmann bei einer Handelsspanne von X-Prozent pleite ging oder nicht. Von mir aus sollte er doch. Meine psychische Sperre äußerte sich in einem gesunden tiefen Büroschlaf. Der unmöglichste, aber intelligenteste Boy in dieser verrückten Klasse wurde später mein Lebenspartner und somit der Vater meiner Kinder.

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Nachfolgend ein neuerer Text, den ich seit 1998 weiter geschrieben habe.


Ein neues Leben oder Versuch einer Grenzziehung

Nun geht es weiter:

Es war ein schwüler Morgen im Juli 1998. Bei unserer immer noch jüngsten, aber inzwischen 12jährigen Tochter (?immer bin ich die Jüngste?) war gerade eine schwere Innenohrschwerhörigkeit festgestellt worden. Deswegen sollten wir zu einer Untersuchung in die Medizinische Hochschule von Hannover kommen. Da wir Eltern beide sprachbehindert sind, hielten wir die Verständnisfragen für ganz normales Nachfragen, wie bei den anderen beiden auch................

So liefen wir beide die gesamte MH ab und landeten schließlich am hinteren Ende in der ambulanten Neurologie. Ich schwitzte fürchterlich und sämtliche Gesichtsspasmen waren am Arbeiten. Zudem verzog sich mein Hals fürchterlich nach rechts, was sehr schmerzte. Auch meine Tochter sah sehr müde aus, aber sie lief tapfer mit und sagte keinen Mucks. Da kam uns eine Ärztin entgegen, die ich sofort nach dem Weg fragte. Anstatt mir zu antworten, sah sie mich von oben bis unten und wieder retour an. Dann fragte sie mich, ob ich Patientin wäre. Als ich ärgerlich Nein sagte, meinte sie nur: Daran lässt sich was machen. Wir haben hier viele Patienten. Woran lässt sich Was machen...........

Lange Zeit dachte ich gar nicht mehr darüber nach, sondern quälte mich so durch den Tag. Jede Muskelverspannung im Schulter-Nackenbereich rief starke Schmerzen hervor. Ich konnte den Kopf nicht mehr drehen. Er wurde von den Muskeln verdreht und ich schob alles auf das Alter und den Spasmus, die Wechseljahre, das Wetter und wer weiß, was mir sonst noch eingefallen wäre. Ich wurde depressiv, heulte ständig aus irgendwelchen nicht ganz klaren Gründen, was unser Familienleben beträchtlich in Mitleidenschaft zog. (Mama heult schon wieder) Kurz: Es ging mir so richtig schlecht. Und dann fiel mir irgendwann diese Ärztin wieder ein und ich dachte jetzt ganz pragmatisch: ?lass Dich doch spaßeshalber mal an die Medizinische Hochschule überweisen. Vielleicht lässt sich ja doch was machen. So geht es jedenfalls nicht weiter.

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Sollte ich hiermit  Interesse am Weiterlesen geweckt haben, eine eMail (im Imrpessum) genügt, wir einigen uns über das Format und den Preis.


Eine Kindergeschichte

Anne und das Nachtgespenst

(Leseprobe (noch nicht veröffentlicht)
 

Bild eines verfallenen HäuschensIn einem alten Park mit Eichen und hohen Tannen stand versteckt ein verfallenes kleines Häuschen. Es stand da, ohne Fensterrahmen und Tür. Wilder Wein wucherte bis hinauf zum Schornstein und kringelte sich um das eingefallene Dach. Das Innere des Häuschen sah gerade so aus, wie das Äußere. Der Putz war im Laufe der Zeit von den Wänden abgebröckelt, einige Balken des eingestürzten Daches hingen kreuz und quer durch den nur schwach erhellten Raum. Überall sah man riesige Spinnenweben. Der Tisch stand nur noch auf drei Beinen. Dem Stuhl fehlte die Sitzfläche. An dem einzigen Schrank hing die Tür nur noch an einer Schraube und sah aus, als würde sie
jeden Moment herausfallen. Auf dem verstaubten Boden lag noch eine verrostete Waschschüssel und ein alter Kochtopf mit einem großen Loch im Bodens. An der gegenüberliegenden Wand hing eine blinde Spiegelscherbe an einem rostigen Nagel.

Und trotzdem war dieses Häuschen für ein neunjähriges Mädchen namens Anne das Paradies, in dem es sich sicher und geborgen fühlte. Jeden Abend, wenn es begann, dämmrig zu werden, kam Anne hierher, legte sich auf eine mit Heu abgepolsterte alte Holzbank, deckte sich mit altem Zeitungspapier zu und schlief sofort ein.

Diese Nacht wachte sie auf einmal auf, weil der helle Mond sie an der Nase kitzelte. Sie blinzelte ihm entgegen und bemerkte auf einmal, wie sich draußen etwas bewegte. Sie rieb sich die Augen, schaute noch genauer hin und sah, wie ein kleines weißes Etwas auf sie zu kam. Da stand es auch schon vor ihr. Seltsam, es brauchte anscheinend keinen Eingang, um in das Haus zu gelangen. Ein bisschen erschrocken und verwundert war Anne, Sie wischte sich noch mal über die Augen, konnte nicht glauben, was sie sah. "Wer bist Du?" fragte sie mit leiser Stimme. "Ich heiße Wladimir und bin ein Gespenst, wer bist du denn?"